IPCI und Verantwortung
Die International Pernambuco Conservation Initiative (IPCI) bringt MusikerInnen, BogenmacherInnen, WissenschaftlerInnen und NaturschutzexpertInnen zusammen. Gemeinsam geht es darum, den Fernambukbaum zu schützen und zugleich Wege für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Holz zu entwickeln.
Ein Handelsverbot allein rettet die Bäume nicht. Wirksame Forstgesetze, nachvollziehbare Herkunft, Wiederaufforstung und Menschen, die das Holz verantwortungsvoll nutzen und gleichzeitig die Natur schützen, gehören zusammen.
Es ist nicht nur das Holz, das uns verbindet – es ist die Verantwortung.

Vor mehr als 25 Jahren erkannten engagierte Menschen, dass der Fernambukbaum in Gefahr war. Im Mai 2000 gründeten BogenmacherInnen die International Pernambuco Conservation Initiative. Aus einer kleinen Gruppe ist ein weltweites Projekt geworden. Heute zählt die IPCI mehr als 400 Mitglieder in 18 Ländern.
Die Arbeit reicht von Pflanzprojekten und wissenschaftlicher Forschung bis zur Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften und Behörden. Im Vortrag werden Projekte in vier brasilianischen Bundesstaaten, 18 abgeschlossene Forschungsprojekte sowie Aktivitäten in 69 Gemeinden in Bahia und 14 Gemeinden in anderen Bundesstaaten genannt.



Aufforstung: aus Setzlingen werden Wälder
Von den bisher rund drei Millionen gepflanzten Fernambukbäumen wurden nach den im Vortrag verwendeten Zahlen etwa 340.000 mit Unterstützung der IPCI gepflanzt. Viele stehen auf Privatland und entstanden in Zusammenarbeit mit GrundstückseigentümerInnen und lokalen Gemeinschaften.
Vorher-Nachher-Aufnahmen zeigen, wie sich Pflanzungen entwickeln. Die IPCI begann 2004 mit der Verteilung von Setzlingen. Ein Projekt im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco startete 2006; eine Aufnahme aus dem Jahr 2024 dokumentiert die Entwicklung. Auf einer Farm nahe Ilhéus hatten Bäume aus einer Pflanzung von 2019 bereits fünf Jahre später beachtliche Dimensionen erreicht.





Neue Bäume zu pflanzen ist nur ein Teil der Aufgabe. Ebenso wichtig sind wissenschaftliche Begleitung, die Auswahl geeigneter Standorte und die langfristige Pflege der Bestände. Die Verbindung von Wiederaufforstung und Forschung schafft die Grundlage dafür, Schutz und eine spätere nachhaltige Nutzung nicht als Gegensätze zu behandeln.
Musik, Geschichte und Fernambuk

Musik verbindet Menschen über Grenzen und Generationen hinweg. Für StreichinstrumentalistInnen ist der Bogen dabei weit mehr als ein Zubehör: Material, Elastizität, Balance und Ansprache bestimmen, welche klanglichen und spieltechnischen Möglichkeiten zur Verfügung stehen.
Fernambuk – in Brasilien Pau Brasil – wächst nur in einem begrenzten Teil Brasiliens. Der Name verweist auf die intensiv rote Farbe des Holzes. Seit dem 16. Jahrhundert wurde es nach Europa verschifft und zunächst vor allem als Farbstoff genutzt.



In französischen Häfen lagerten große Mengen dieses Holzes. Um 1800 begann François Xavier Tourte, Fernambuk systematisch für den Bogenbau zu nutzen. Tourte und seine Familie prägten damit die Form des modernen Streichbogens entscheidend.
Die besondere Kombination aus Festigkeit, Elastizität, Formstabilität und klanglicher Eignung machte Fernambuk zum zentralen Werkstoff des modernen Bogenbaus. Seit mehr als 200 Jahren ist es ein wesentliches Material musikalischen Ausdrucks.

Gefährdung des Atlantischen Regenwaldes
Fernambuk wächst ausschließlich im Atlantischen Regenwald Brasiliens, der Mata Atlântica. Dieser Wald ist außerordentlich artenreich, zugleich aber stark geschädigt. Im Vortrag wird darauf verwiesen, dass weniger als neun Prozent der ursprünglichen Waldfläche erhalten sind.
Damit hat auch der Fernambukbaum große Teile seines Lebensraums verloren. Bäume sind geschwächt, übernutzt oder werden illegal gefällt. Deshalb wurde der internationale Handel mit Fernambuk 2007 unter CITES geregelt; seitdem ist die Art in Anhang II gelistet.


„Wasser anpflanzen“

In der Nähe der Stadt Pau Brasil lebt die indigene Gemeinschaft der Pataxó Hã-Hã-Hãe. Ihr Land wurde über lange Zeit besetzt und ausgebeutet. Nach gewaltsamen Auseinandersetzungen wurde es in den 1990er-Jahren an indigene Familien zurückgegeben – teilweise in stark geschädigtem Zustand.
Felder und Wälder waren verbrannt, Böden geschädigt und Wasserquellen zerstört. Der Fluss, der früher Leben spendete, ist heute stellenweise nur noch ein kleines Rinnsal und trocknet zeitweise vollständig aus.



Hier setzt das Projekt „Wasser anpflanzen“ an. Gemeinsam mit IPCI, der lokalen Gemeinschaft und Instituto Floresta Viva soll eine Baumschule entstehen. Junge Bäume werden auf geschädigten Flächen gepflanzt, um Böden zu stabilisieren, Regen zurückzuhalten, Schatten und Lebensraum zu schaffen und Wasser in die Landschaft zurückzubringen.
Der Vortrag beschreibt diese Arbeit ausdrücklich auch als einen Heilungsprozess für Land und Menschen. Mit jedem neuen Baum wächst die Hoffnung, dass selbst auf geschädigtem Boden wieder Leben entstehen kann.

Materialbedarf und verantwortungsvolle Nutzung

Weltweit werden nach den im Vortrag verwendeten Zahlen jährlich etwa 25.000 Fernambukbögen hergestellt. Viele Werkstätten arbeiten noch mit alten, legalen und teilweise registrierten Beständen. Langfristig werden jedoch neue, legal gewonnene Materialien benötigt.
Die im Vortrag vorgestellte Modellrechnung nennt für den weltweiten Bogenbau einen theoretischen Bedarf von etwa 20 bis 30 Kubikmetern Fernambukholz pro Jahr, mit einem Referenzwert von rund 25 Kubikmetern.
Seit etwa 1800 wurden nach dieser Modellrechnung schätzungsweise 6,6 Millionen Fernambukbögen gefertigt, mit einer Unsicherheitsbandbreite von ±30 Prozent. Das entspricht einer Größenordnung von etwa 9.000 bis 17.000 geeigneten Bäumen; selbst in einer Worst-Case-Abschätzung werden maximal 50.000 Bäume angesetzt. Der Vortrag stellt diese Größenordnung dem gesamten historischen Verlust von Fernambukbäumen im Atlantischen Regenwald gegenüber.
Diese Zahlen sollen den historischen Verbrauch nicht kleinreden. Jeder genutzte Baum bedeutet Verantwortung. Sie helfen aber, die Dimension zu verstehen und die entscheidende Frage zu stellen: Kann die begrenzte Menge, die der hochwertige Bogenbau tatsächlich benötigt, künftig aus legalen und nachhaltig bewirtschafteten Beständen stammen?
Holzqualität statt bloßes Baumalter
Für die Eignung zum Bogenbau ist nicht allein das Alter eines Baumes entscheidend. Ausschlaggebend sind die tatsächlichen Eigenschaften des Holzes – unter anderem Dichte, Elastizität, Festigkeit und die Ausbildung des Kernholzes.
Genau darin liegt eine Chance für nachhaltige Bewirtschaftung: Bäume können bereits vor einer möglichen Ernte untersucht werden. Geeignete Exemplare können gezielt genutzt werden; andere bleiben stehen, wachsen weiter und erfüllen ihre ökologische Funktion.



Nachhaltige Nutzung bedeutet deshalb nicht einfach, Bäume zu fällen und neue zu pflanzen. Sie bedeutet vor allem, den richtigen Baum zum richtigen Zeitpunkt für den richtigen Zweck zu nutzen – und andere Bäume bewusst stehen zu lassen.
Pflanzungen, die in Brasilien seit den 1970er-Jahren angelegt wurden, haben heute bereits Bäume in Dimensionen hervorgebracht, die für den Bogenbau relevant sein können. Welche Qualitätsstufen dieses Holz erreicht, muss weiter wissenschaftlich untersucht werden.

CITES nach der CoP20 in Samarkand

Brasilien hatte vorgeschlagen, Fernambuk von Anhang II in Anhang I zu überführen. Dieser Vorschlag wurde nicht angenommen. Fernambuk blieb in Anhang II; zugleich wurden die Regeln verschärft.
Seit dem 5. März 2026 gilt die neue Annotation #10. Für kommerziellen internationalen Handel mit wild gewonnenem Fernambuk (Quellcode W) gilt eine Nullquote. Bestimmte nichtkommerzielle grenzüberschreitende Bewegungen fertiger Bögen sind dagegen von CITES-Genehmigungspflichten ausgenommen.
Dazu zählen insbesondere persönlicher Gebrauch, bezahlte und unbezahlte Aufführungen, Ausstellungen, Leihgaben, Wettbewerbe, Unterricht, Begutachtung und Reparaturen – sofern kein Eigentumswechsel stattfindet und der Bogen nicht im Ausland verkauft oder übertragen wird.
Behörden und internationaler Handel
CITES ist ein internationales Übereinkommen, wird aber durch die zuständigen Behörden der einzelnen Staaten umgesetzt. In Deutschland ist das Bundesamt für Naturschutz (BfN) für Einfuhr, Ausfuhr und Wiederausfuhr zuständig; daneben spielen die Behörden der Bundesländer bei Herkunfts- und Besitznachweisen eine Rolle.
Beim internationalen Verkauf oder Eigentumswechsel bleiben CITES-Regeln und die erforderlichen Nachweise entscheidend. Besonders wichtig ist der Begriff Pre-Convention: Fernambuk wurde am 13. September 2007 in die CITES-Anhänge aufgenommen. Für älteres Material und daraus gefertigte Bögen kann deshalb die belegbare Geschichte des Exemplars von großer Bedeutung sein.

Die Geschichte eines Bogens bewahren

Was zunächst bürokratisch klingt, kann für MusikerInnen sehr praktisch werden. Bei einem alten Fernambukbogen können später Fragen wichtig werden: Wer hat ihn gebaut? Wie alt ist er? Wann wurde er erworben? Woher stammt er? Welche Unterlagen sind noch vorhanden?
Rechnungen, Expertisen, Versicherungsunterlagen, Materialdeklarationen und eine nachvollziehbare Besitzgeschichte können helfen. Je früher vorhandene Informationen zusammengeführt werden, desto besser lässt sich die Geschichte eines Bogens später belegen.
Neue und historische Bögen brauchen unterschiedliche Lösungen
Bei einem neuen Bogen kann die Lieferkette von der Holzquelle über den Bestand und die Werkstatt bis zum fertigen Bogen dokumentiert werden. Bei einem hundert oder zweihundert Jahre alten Bogen lässt sich eine damals nie dokumentierte Lieferkette nicht nachträglich erfinden.
Eine künftige Rückverfolgbarkeit muss deshalb beides leisten: bei neuen Bögen möglichst präzise sein – und bei historischen Bögen praktikabel und realistisch mit den tatsächlich vorhandenen Belegen umgehen.

Schutz, Wiederaufforstung und legale Nutzung gemeinsam denken
Mit der Entscheidung von Samarkand ist die Arbeit nicht beendet. In den kommenden Jahren geht es um die praktische Umsetzung: verlässliche Rückverfolgbarkeit, transparente Materialwege, die Dokumentation vorhandener Bestände, praktikable Regeln für historische Bögen und einen rechtssicheren Rahmen für legal gepflanzte Bestände in Brasilien.
Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob Fernambuk geschützt werden soll. Entscheidend ist, wie ein System aussehen muss, das illegal gewonnenes Holz ausschließt, legale Bestände nachvollziehbar macht, Wiederaufforstung und nachhaltige Bewirtschaftung unterstützt und zugleich berücksichtigt, dass Millionen von Bögen bereits existieren und seit Generationen Teil des musikalischen Kulturerbes sind.
MusikerInnen und BogenmacherInnen sind nicht das Problem – sie müssen Teil der Lösung sein.

